Im Urlaub fallen die sozialen Unterschiede oft extrem auf. Luxushotel neben Elendsviertel. Auf dem Weg zum Strand versuchen Kinder dir Kleinkram zu verkaufen. Vielleicht hast du dich in solchen Situationen auch schon mal gefragt: Welchen Einfluss (bzw. welche Verantwortung) habe ich als Tourist? Und vor allem: Wie kann ich helfen? Sozial nachhaltig Reisen bzw. soziale Nachhaltigkeit im Tourismus ist ein komplexes Thema. Versuchen wir eine Annäherung.
Was ist an sozialem Engagement nachhaltig?
Nachhaltigkeit umfasst ein Denken an morgen. Es ist das Gegenteil von “Nach mir die Sintflut”. Viele haben hierbei zunächst Ressourcenschonung, Artenschutz oder den Erhalt der Ozonschicht im Kopf. Faire Bezahlung und die Verminderung von Armut verbindet man erstmal nicht damit. Oder ist das bei dir anders?
Nachhaltigkeit bzw. nachhaltig reisen schont aber nicht nur die Umwelt und wirkt dem Klimawandel entgegen. Es fördert auch eine Gesellschaft mit Respekt und ohne Ausbeutung und verhindert, dass Arm und Reich noch weiter auseinanderklaffen.
Soziale Nachhaltigkeit im Tourismus wirkt nach Außen (Soziale Verantwortung in der Region und gesellschaftlichen Randgruppen gegenüber übernehmen) und nach Innen (den Mitarbeitern gegenüber).
Der soziale Aspekt muss im Urlaub gleichwertig mit dem Öko-Aspekt sein
Nach dem Modell der “Drei Säulen der Nachhaltigkeit” (ein Modell, das seit dem Weltgipfel in Johannesburg 2002 als internationale Leitlinie gilt), ist der soziale Aspekt gleichwertig mit den Säulen Ökologie und Ökonomie. Nachhaltige Entwicklung kann demnach nur erreicht werden, wenn Umwelt, Wirtschaft und soziale Ziele gleichzeitig und gleichgewichtet umgesetzt werden.
Konkrete soziale Aspekte in der Tourismusbranche
- faire Bezahlung
- feste Arbeitsverträge
- Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten
- Krankenversicherung / Gesundheitsschutz
- Kinderschutz
- Integration
- Inklusion
- Förderung des regionalen Handwerks
- Förderung regionaler Kunst und Kultur

Das können wir selbst tun | Kleine Dinge, um sozial nachhaltig zu reisen
Kaufen statt Spenden
Ein prägendes Erlebnis war für mich, als ich vor etwa 15 Jahren für eine Reportage in der Nähe von Hebron, Palästina, unterwegs war. Ein paar Frauen versuchten mir ihre bestickten Tücher zu verkaufen. Der “Laden” in dem kleinen Beduinen-Dorf war staubig und muffig und es hat mir überhaupt nichts gefallen. Ich wollte nichts kaufen! Als ich einen Monat später wieder in Deutschland war, habe ich mich an die herzlichen Leute dort erinnert und eine Geldspende geschickt. In diesem Moment wurde mir klar: Ich hätte besser die Tücher gekauft! Besonders die Minimalisten von uns kaufen nicht gern einfach irgendetwas. Schlüsselanhänger, Kühlschrankmagneten, Duftpapiere … Mittlerweile bin ich so, dass ich den Leuten gern etwas abkaufe und die Dinge bei nächster Gelegenheit weiterverschenke (außer es ist der letzte Plastikschrott).

Überlege, bei wem du dein Geld ausgibst
Stell dir vor, du kaufst im Schwarzwald eine Kuckucksuhr und auf der steht dann “Made in China”. Das wäre doch irgendwie doof, oder? Besonders, wenn du dich darüber freust, im Ort außer großen Ketten und Franchises noch echte Holzschnitzer-Werkstätten zu sehen. Im SCHWARZWALD PANORAMA in Bad Herrenalb gibt es direkt im Hotel einen kleinen Laden, in dem lokale Produkte (auch Kuckucksuhren) verkauft werden. Auch die Förderung des lokalen Handwerks zeugt von sozialer Verantwortung.
Ärgere dich nicht über Touristen-Nepp
Meine Erfahrung ist, dass besonders deutsche Touristen große Angst davor haben, von Markt-Händlern, Taxifahrern und Souvenir-Verkäufern “übers Ohr gehauen” zu werden. Es ist natürlich ärgerlich, wenn man etwas für 20 Dollar kauft und dann hört man später, dass Einheimische dafür nur 2 Dollar bezahlen.
Aber was ist, wenn wir unsere Einstellung solchen Situationen gegenüber ändern? Ich frage mich nicht mehr: Wie viel kostet es hier? Sondern: Wie viel ist es mir wert? Ich wurde zum Beispiel einmal ausgelacht, weil ich 30 Euro für ein Dekokissen bezahlt habe. Da habe ich gesagt: 30 Euro für Handarbeit sind nicht viel Geld. Und das Kissen war es mir wert!
Soll ich bettelnden Kindern Geld geben?
Besonders wenn du in ärmeren Ländern unterwegs bist, wirst du irgendwann unweigerlich mit Kindern konfrontiert, die dir Kleinigkeiten verkaufen wollen oder betteln. Eine wirklich schwierige Situation.
Experten von Tourism Watch und den SOS Kinderdörfen empfehlen, nichts zu kaufen und kein Geld zu geben. Dies führe nur dazu, dass noch mehr Kinder auf der Straße wären und/oder von Erwachsenen zum Betteln bzw. Verkaufen instrumentalisiert würden. Stattdessen empfehlen die beiden Organisationen, gezielt Projekte und NGO’s zu unterstützen, die sich für die Kinder im Land einsetzen. Das können zum Beispiel lokale Sportvereine, Schulen oder Community Center sein.
Wichtig ist, dass du dich vorher mit den Bedingungen im Land auseinandersetzt. So ist es in Palästina zum Beispiel so, dass du mit dem Kauf bei Kindern direkt die Familie und Geschwister unterstützt. Wenn ich tatsächlich einmal schwach werden, dann versuche ich dabei auch so zu tun, als würde ich jetzt wirklich gern diese Kaubonbons haben. Wenigstens für den Moment freuen sich die Kids dann. Zur Regel sollte dieses Verhalten jedoch nicht werden. Dann doch lieber die Spende an ein Projekt, dass ich mir vielleicht sogar vor Ort anschauen kann.
Projekte vor Ort unterstützen
Bewusste Entscheidungen zu treffen, helfen dir dabei, sozial nachhaltig und verantwortungsbewusst zu reisen. Zum Beispiel kannst du mit der Wahl deiner Unterkunft gezielt Projekte unterstützen, die sich für die lokale Bevölkerung einsetzen, Mitarbeitende aus der Region einstellen oder sich anderweitig sozial engagieren.

Farmhouse Smiling Gecko in Kambodscha
Unser Partner, das Farmhouse Smiling Gecko in Kambodscha, schafft zum Beispiel Perspektiven, in dem es Ausbildungs- und Arbeitsplätze bietet. Armut, und insbesondere Kinderarmut, sind in Kambodscha ein großes Problem. Laut Humanitarian gehen 10 % der Kinder nicht zur Schule. Nur 20 % der Mädchen besuchen eine weiterführende Schule. Viele Menschen sind unterernährt, es gibt kaum sauberes Trinkwasser für die Landbevölkerung, es herrscht eine mangelnde Gesundheitsversorgung und auf der Suche nach Arbeit werden viele Kinder (sexuell) ausgebeutet. In einem solchen System, wo der Staat die Kinder, die Zukunft, nicht ausreichend schützen kann, sind private Initiativen wie Smiling Gecko enorm wichtig. Die Initiative umfasst Ausbildungsstätten für verschiedene Handwerksberufe, wie Bäcker oder Tischler. Einige davon haben auch die Möglichkeit später direkt im Farmhouse Smiling Gecko zu arbeiten, wo aktuell 40 Arbeitskräfte eine überdurchschnittliche Bezahlung genießen, die ihnen und ihren Familien eine sichere Lebensgrundlage bietet.
Soziale Nachhaltigkeit im Tourismus in Thailand
Das Luxusresort Keemala auf der thailändischen Insel Phuket setzt sich ebenfalls für die lokale Bevölkerung ein. Lebensmittel kauft Keemala bewusst von örtlichen Fischern und Bauern. Außerdem unterstützen sie das Kinder-Entwicklungszentrum vor Ort und bieten Arbeitsplätze für die Region.
Ebenfalls in Thailand unterstützt das Zeavola Resort auf Ko Phi Phi die lokale Baan Laem Tong School. Die abgelegene Lage macht es schwer, öffentliche Mittel zu bekommen, sodass die Unterstützung des Zeavolas sehr wertvoll ist. Drei Dollar werden pro Gast für ein Lunch-Programm gespendet, das die Gäste vor Ort auch besuchen können. Jeden Freitag kocht das Zeavola für Schüler und Lehrer, an den anderen Tagen wird das von den Lehrern übernommen. Besonders cool: Die Kinder haben ein Mitbestimmungsrecht beim Menü. Sie äußern in einer Abstimmung ihre Wünsche. Sobald fünf oder sechs Vorschläge beisammen sind, wird abgestimmt.

Auch in Europa wird die Schere zwischen Arm und Reich größer
Alle vier Jahre untersucht die Bundesregierung die Entwicklung von Armut und Reichtum in Deutschland. Der jüngste Bericht von 2021 zeigt, dass (wie in allen Industriestaaten) Arme ärmer werden und Reiche reicher. Das heißt: Auch hier ist soziale Nachhaltigkeit im Tourismus ein wichtiges Thema.

Einbeziehung von Menschen mit Behinderung
Ein klares Beispiel für ein Konzept für soziale Nachhaltigkeit im Tourismus in Deutschland ist das Green City Hotel Vauban in Freiburg. Es wird von einer gemeinnützigen Gesellschaft geführt und beschäftigt zu 50 % Menschen mit Behinderung. Auch bei Partnern und Zulieferern wird auf Inklusion und Fairness geachtet.
Verzicht auf Saisonarbeitskräfte
Unsere Green Pearls® Unterkünfte arbeiten aus Überzeugung mit einer festen Belegschaft zusammen und beschäftigen bewusst keine (günstigeren) Saison-Arbeiter. Um nur einige Beispiele zu nennen: Im Zermatter Hotel Bella Vista in den schweizerischen Alpen wird das Hotel von einer Familie geleitet und du bekommst das Gefühl, dass auch die Belegschaft ein Teil dieser Familie geworden ist.
Das bayerische Hotel Klosterhof beschäftigt rund 100 Mitarbeiter und setzt auf langfristige Anstellungen und Weiterbildungsmaßnahmen. Saison-Arbeitskräfte, Zeitarbeiter und Billiglohnkräfte gibt es hier nicht.
Lokale Künstler unterstützen

Van Gogh oder Leonardo da Vinci waren unbestreitbar große Künstler, doch ihre Bilder bewundern wir lieber im Original im Museum, statt als kopiertes Poster im Hotelzimmer, oder?
Viele Hotels nutzen stattdessen die Möglichkeit, zeitgenössische und regionale Künstler zu unterstützen und ihnen eine Plattform zu bieten. Im Hotel Das Rübezahl im Allgäu findest du zum Beispiel im Garten Kunstobjekte des Künstlers Bernhard Czeschlick. Dessen Werkstatt und Galerie Eigenart ist etwa 25 Autominuten vom Hotel entfernt und Familie Thurm organisiert für dich gern eine Besichtigung.
Mehr über die Zusammenarbeit von Künstlern und nachhaltigen Hotels kannst du in diesem Blogartikel lesen.
Abschlussgedanken – Soziale Nachhaltigkeit im Tourismus?
In der Tourismusbranche liegen viele Chancen – zum einen siehst du, dass das Leben auch ganz anders sein kann, zum anderen – so muss man es sagen: steckt hier viel Geld. Wenn du das Geld nicht in den großen Hotelketten lässt, sondern Unterkünfte mit sozialem Engagement oder lokale Projekte unterstützt, ist das ein Beitrag für einen sozialeren Tourismus und damit auch für eine bessere Welt.
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