Hotel wird vegan, verliert 80% der Kunden und feiert Erfolg

Ein Hotel wird fleischfrei, verliert 80 % der Stammkunden und viele Mitarbeitende – Trotzdem war es ein Erfolg

Ein Hotel wird fleischfrei, verliert 80 % der Stammkunden und viele Mitarbeitende – Trotzdem war es ein Erfolg
Küchenchefin Aggeliki Charami @Paradiso Pure.Living Vegan Hotel

Die erstaunliche Geschichte vom Paradiso Pure.Living Vegan Hotel

Das Paradiso Pure.Living Vegan Hotel auf der Seiser Alm war einst ein typisches, traditionelles Berghotel: Skifahren im Winter, Wandern im Sommer und deftige Südtiroler Küche mit Schweinshaxe und Kaiserschmarrn. Als Valeria Caldarelli und ihr Mann 1994 das damals schon gut 30 Jahre alte Traditionshaus übernahmen, hätten sie wohl kaum für möglich gehalten, was aus dem Paradiso einmal werden würde: ein Aushängeschild für einen veganen, künstlerischen und naturverbundenen Lifestyle, das jährlich Gäste aus 14 verschiedenen Nationen anzieht.

 

Eine Hoteliersfamilie wird vegan

Vegane Brüder und Gastgeber im Hotel Paradiso Pure.Living Vegan Hotel auf der Seiser Alm
Alexander (l.) und Maximilian (r.) Sprögler ©Paradiso Pure.Living Vegan Hotel

 

Alexander und Maximilian Spögler, die beiden Gastgeber im Paradiso Pure.Living Vegan Hotel haben ihren oft herausfordernden und schwierigen Weg zum ersten veganen Hotel auf der Seiser Alm im Interview mit Green PearlsⓇ geteilt. Begonnen habe es mit ihrer jüngsten Schwester Franziska, die bereits seit ihrer Kindheit keine Tiere isst und schon lange vegan lebt. Wer hätte gedacht, dass diese Entscheidung einmal zur Folge haben würde, dass letztendlich sogar mehrere Hotels vegan werden!

Als zweite habe ihre Mutter ihre Ernährung umgestellt, berichten die Brüder. Von heute auf morgen sei sie nach der Diagnose einer Autoimmunkrankheit vegan geworden. Dies hatte eine große Strahlkraft auf die beiden älteren Söhne Alexander und Maximilian. “Ich denke, sie ist jetzt fitter als wir alle! Wenn man aus erster Hand sieht, was für eine Auswirkung die Ernährung auf die Gesundheit hat, dann muss da was dahinter sein”, resümiert Maximilian.

 

Das erste 100 % vegane Hotel Italiens wird eröffnet

Das erste vegane Hotel Italiens ist das LA VIMEA in Naturns
©LA VIMEA

 

Es war dann auch die Mutter, Valeria Caldarelli, die 2016 das erste ganzheitlich vegane Hotel in ganz Italien eröffnete. Sie selbst war zu diesem Zeitpunkt schon rund zehn Jahre vegan, doch brauchte es Zeit (und Mut) ihr neues Bewusstsein auf das Hotel zu übertragen. Zusammen mit einem umfangreichen Umbau verwandelte sie das zuvor konventionell-geführte Hotel “SUNNWIES” in Naturns, Südtirol, in das Adults-Only Hotel LA VIMEA Vegan Hotel. Doch nicht nur das Essen ist dort vegan, sondern auch die komplette Einrichtung, Materialien und Kosmetikprodukte. So schuf sie einen naturverbundenen Ort mit täglichen Yoga- und Meditationsangebot, Ayurveda-Behandlungen, Salzwasserpool und Naturschwimmteich.

2018 eröffnete Tochter Franziska zusammen mit ihrem Mann Benjamin Posch (ebenfalls Veganer und ebenfalls aus der Hotellerie) das liebevoll renovierte Landhaus Vegan Agrivilla I Pini in der Toskana. Es ist umgeben von der eigenen Bio-Landwirtschaft, von wo die Lebensmittel für die vegane Hotelküche bezogen werden.

Mit diesen beiden Vorbildern wagten dann auch die Brüder Maximilian und Alexander vom Paradiso Pure.Living einen Schritt in diese Richtung. Auch sie lebten zu diesem Zeitpunkt bereits vegan und wollten ihr Hotel ebenfalls komplett darauf umstellen. Allerdings war das nicht so einfach, wie Alexander erklärt: „Die Seiser Alm ist da ein bisschen schwieriger. Schon allein das Vegetarische war ein extrem krasser Schritt. Wir haben es dann [ab 2019] als vegetarisch vermarktet, aber 80 Prozent waren immer schon vegan.“ Ihre Sorge damals: die Höhenlage des Hotels und die Klientel der Seiser Alm. Und diese Sorge war nicht unberechtigt.

Nachhaltiges Ski-in-Ski-out-hotel in der Dämmerung Dolomiten Panorama
©Paradiso Pure.Living Vegan Hotel

 

Die Umstellung auf vegetarisch-vegan: Gäste blieben fort und Mitarbeiter gingen

Der Einbruch war immens. Laut der Spögler-Brüder verloren sie durch diesen Schritt rund 80 Prozent ihrer Stammkunden. Und nicht nur das. Auch fast das komplette Team ging 2019. Dazu kam die Corona-Pandemie im Folgejahr, sodass die ersten Jahre alles andere als leicht waren.

Doch die Brüder hielten an ihrem Konzept fest. Es entstand eine neue Belegschaft, welche heute zu rund 95 Prozent aus Veganern besteht.

 

Neues Team und neue Gäste

Ethik, Gesundheit und die Umwelt, das seien die drei Hauptargumente für eine vegane Lebensweise, erklärt Alexander auf die Frage, warum er sich für eine vegane Lebensweise entschieden hat. Wer sich einmal mit Massentierhaltung und Zuchtmast beschäftige, käme automatisch dazu, sich zu fragen, ob man diese Tierquälerei wirklich unterstützen und finanzieren solle, fügt er noch hinzu. Für ihn, seinen Bruder und die meisten ihrer Mitarbeitenden seien alle drei Säulen wichtig.

Mit der Zunahme der vegetarischen und veganen Lebensweise haben die Brüder inzwischen einen weiteren Effekt festgestellt: Gerade in dieser Zeit, wo es für die Branche eher schwierig ist, Mitarbeitende zu finden, ist es für sie vergleichsweise einfach. Fast täglich erreichten sie Bewerbungen aus ganz Europa, von Leuten, die explizit und nur ins Paradiso wollen – wegen des Plant-Based-Konzepts.

 

Ähnlich sieht es bei den Gästen aus. Für 8 von 10 Leuten sei das Paradiso nicht der richtige Ort, aber zwei würden dafür nur dorthin kommen, fassen die Brüder zusammen. Zudem kommen seit der Umstellung neue Gäste in das Hotel und das von immer weiter her. Vegane Honeymooners reisen aus Ländern wie Israel oder den USA an, um ihre Flitterweochen auf 2,000 Metern Höhe und umgeben von purer Natur zu verbringen. “Wir sind die Nische von der Nische von der Nische”, beschreibt Alexander es lachend im Gespräch. Und genau deswegen gebe es Leute, die ganz gezielt nur zu ihnen kommen. Nicht nur Veganer*innen übrigens, sondern auch Flexitarier*innen und Fleischesser*innen, die neugierig und offen für diese Erfahrung sind.

 

“Wenn diese Komponenten zusammenkommen, verwandelt sich das Ganze in mehr als nur ein Hotel, mehr als nur ein Ort zum Schlafen und Essen. Es ist ein Ort, wo Gleichgesinnte zusammenkommen und Ideen austauschen. Und dadurch entsteht etwas Einzigartiges und Wunderschönes.” – Maximilian Sprögler

 

 

Umstellung auf 100 % vegan mit neuer Küchenchefin

Alexander und Maximilian Sprögler mit der veganen Küchenchefin Aggeliki posieren vor einem Vorhang
Alexander und Maximilian Sprögler mit der veganen Küchenchefin Aggeliki Charami ©Paradiso Pure.Living Vegan Hotel

 

2024 folgte die Umstellung auf ein rein veganes (Küchen-)Konzept. Wieder blieben Gäste weg. War das Vegetarische für einige noch vertretbar, sah es bei rein veganer Küche anders aus. Milch, Eier und Käse gibt es seit 2024 nicht mehr im Paradiso. Dafür leckere und gesunde, pflanzenbasierte Alternativen. „Viele, die es probieren, kommen wieder“, verrät Alexander.

Ein Grund, für den Erfolg der veganen Ausrichtung, ist die Zusammenarbeit mit der griechischen Köchin Aggeliki Charami. Seit der Wintersaison 2023/24 hat sie die Leitung der Paradiso-Küche übernommen. Als “Rockstar der veganen Küche” bezeichnete die Stuttgarter Zeitung die junge Frau. Und auch die Spögler-Brüder drücken im Interview ihre Begeisterung und Achtung vor der Köchin aus. „Sie ist eine Künstlerin, eine sehr professionelle Künstlerin, die mit beiden Füßen auf dem Boden steht. Das ist extrem schwierig zu finden“, beschreibt Alexander und Maximilian ergänzt: „Wir kennen viele Chefköche, vegan und nicht-vegan, und das, was sie macht, ist einzigartig.“

Für Aggeliki ist Kochen nicht einfach die Zubereitung leckerer Speisen, sondern eine Kunst. Dabei setzt sie sowohl auf lokale Produkte, als auch auf Besonderheiten, wie den liebevoll „Chicken oft the Woods“ genannten Baumpilz aus Sizilien.  Dieser erinnert von Geschmack und Konsistenz an Hühnchen und überzeugte die beiden Brüder vom ersten Moment. Auch “Saitansteak mit Raucharoma”, “Kaviar aus Seetang” oder ein “Ei” mit einem “Dotter” aus Kürbis hat sie kreiert.

 

OMNIA Plant-Based Restaurant – Vegane Performance-Küche

Veganes Essen mit Feuer
Vegan Fine Dining im OMNIA @Paradiso Pure.Living Vegan Hotel

 

Die Spögler Brüder lassen Aggeliki nicht nur viel Freiraum, sie haben auch zusammen mit ihr ein neues Restaurant eröffnet: das OMNIA. Es beherbergt nur etwa zehn Gäste am Abend. Diese werden dann durch ein einzigartiges, veganes Dining-Experience mit 9 Gängen geführt, das rund drei Stunden dauert. Chefköchin Aggeliki tritt dabei auch selbst mit ihrem Team vor die Gäste. Sie erzählt ihre Geschichte und die Verbindung zu den Gerichten, die die Gäste gerade genießen. Es sei schon vorgekommen, dass Gästen bei dieser kulinarischen Erfahrung die Tränen gekommen seien.

 

Eine Familie – drei vegane Hotels

Valeria Caldarelli (LA VIMEA Vegan Hotel), Alexander und Maximilian Spögler (Paradiso Pure.Living Vegan Hotel) und Franziska und Benjamin Posch (Vegan Agrivilla I Pini) – sie alle gehören zu einer Familie und haben viel für den veganen Tourismus in Italien erreicht. Sie waren die ersten, die den Mut hatten, dies konsequent und ganzheitlich zu implementieren und erfolgreich umsetzen.

Alexander wünscht sich, dass viele Nachahmer folgen und appelliert an die Kolleg*innen: „Glaub an das, was du tust und mach keine halben Sachen! Also sag nicht, du bietest “mehr” vegetarisch oder vegan, sondern gehe Full Power!“ Über den möglichen Wettbewerb machen sich die beiden keine Sorgen. Sie würden sich sogar darüber freuen.

 


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Luftaufnahme des Hotels Paradiso Pure.Living Vegan Hotel, umgeben von grünen Feldern und den Dolomiten im Hintergrund unter blauem Himmel. Der Text darüber erzählt die Erfolgsgeschichte eines veganen Hotels.

Tätowierte Hände halten einen Laib Brot auf Rosmarinzweigen über dem Alpenhotel Paradiso Pure.Living Vegan Hotel in den Dolomiten. Text: „Die Paradiso-Story“ über ein veganes Hotelprojekt.


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2 thoughts on “Ein Hotel wird fleischfrei, verliert 80 % der Stammkunden und viele Mitarbeitende – Trotzdem war es ein Erfolg”

  • toll dieser Mut, vegane Küche auf der Seiser Alm. Viel Erfolg !! Wir machen als Veganer bald Urlaub auf der Seiser Alm und werden die Küche im Paradiso probieren

    • Liebe Ulrike,
      vielen Dank für den Kommentar. Das freut mich aber sehr! Bitte berichte uns doch mal, wie dir die Küche von Aggeleki geschmeckt hat, wenn du da warst! Schön, dass man auch als Veganer mittlerweile immer mehr Urlaubsorte findet. Keep it up! Nachhaltige Grüße, Laura

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