Overtourism im Tiroler Oberland? Marco Spiss im Interview

“Die intakte Natur ist unser größtes Verkaufsargument” – Interview mit Gastgeber Marco Spiss über Tourismus im Tiroler Oberland

“Die intakte Natur ist unser größtes Verkaufsargument” – Interview mit Gastgeber Marco Spiss über Tourismus im Tiroler Oberland
Das Alpendorf Pfunds lebt vom Tourismus - dies hat aber nicht nur Vorteile. ©Andreas Schalber

Der Alpentourismus boomt. 2025 verzeichnete Österreich erneut einen neuen Besucherrekord. Doch wo viele Menschen Urlaub machen, geraten Natur und lokale Gemeinschaft schnell an ihre Grenzen. Marco Spiss, Inhaber und Gastgeber der nachhaltigen Summit Lodges in Pfunds hat mit uns darüber gesprochen, wie nachhaltiger Tourismus in einer stark frequentierten Region funktionieren kann.

 

Von Overtourism bis Klimawandel: Herausforderungen für das alpine Ökosystem

Portrait Gastgeber Marco Spiss
Marco Spiss ©Privat

Green Travel Blog (GTB): Marco, vielen Dank, dass du mit uns über dieses wichtige Thema sprichst. Österreich verzeichnete von Mai bis Juli 2025 über 40 Millionen Nächtigungen – so viele wie noch nie. Wie nimmst du diese Entwicklung im Tiroler Oberland wahr?

Marco Spiss: Wir im Tiroler Oberland spüren diesen Anstieg ganz besonders, da wir eine hochtouristische Region sind. Durch die Super.Sommer.Card. und ähnliche Konzepte wurden unsere Region speziell im Sommer zusätzlich attraktiv. Das bietet für Tourismusbetriebe wie uns natürlich eine große Chance, allerdings hat diese Entwicklung nicht immer nur Positives.

GTB: Zum Beispiel?

Marco: Viele Wander- und Themenwege sind mittlerweile überfüllt und auch die Natur stößt an ihre Grenzen. Hier speziell unser Wild, welches durch immer mehr Themenwege und MTB-Trails auf kleine Wild- und Waldflächen zurückgedrängt wird.

GTB: Die Verkehrsbelastung, nicht nur zu Fuß auf den Wanderwegen, sondern vor allem auf den Straßen, wird häufig ebenfalls als Problem von Bergregionen genannt.

Marco: Ja, hier liegt meiner Meinung nach das größte Problem an der schnellen touristischen Entwicklung unserer Alpentäler. Die Infrastruktur konnte mit dem Tempo des Ausbaus der Hotelbetten nicht mithalten. Ebenfalls ein großes Thema in unserer Region wird in Zukunft die Wasserknappheit und damit die Entwicklung unserer Ökosysteme.

 

Knappe Wasserressourcen 

GTB: Nimmst du die Veränderungen bei den Wasserressourcen eher als Folge des Klimawandels wahr oder entstehen sie vor allem durch bauliche Eingriffe und die zunehmende Nutzung?

Marco: Beides. Zunehmende Trockenperioden und zusätzlich abgeleitete Flüsse zur Energiegewinnung führen meines Erachtens zwangsläufig zu einem Problem in der Trinkwasserversorgung und dem Erhalt unserer Ökosysteme. Ein gutes Beispiel hierzu ist der Ausbau des Platzertales, in dem ein Hochmoor geflutet und das Wasser zusätzlich in ein anderes Tal abgeleitet werden soll.

GTB: Du sprichst von der Erweiterung des Kraftwerks Kaunertal. Der WWF nennt dies ja eine “ökologische Katastrophe.”

Marco: Das sehe ich auch so. Die Moorflächen und das bisher noch unberührte Tal sind gerade in der Klimakrise besonders wertvoll und sehr bedeutend für die Artenvielfalt.

Außenaufnahme der nachhaltigen Ferienhäuser von Marco Spiss
Summit Lodges Pfunds im Sommer ©Andreas Schalber

 

Löst die Einführung einer “Umwelttaxe” alle Probleme?

GTB: Kann der Tourismus denn auch zum Erhalt der Ökosysteme beitragen?

Marco: Bei uns in der Region wird mittlerweile viel bezüglich des Umweltschutzes umgesetzt. Hier speziell die Gemeinde Serfaus mit ihrer U-Bahn, welche bereits in den 80ern gebaut wurde und einen Wegweiser der regionalen Infrastruktur darstellte. Auch zu erwähnen ist die Region Kaunergrat, deren Ziel es ist, die Ökosysteme, kulturelle Vielfalt und regionale Wertschöpfung zu erhalten und zu fördern. Und natürlich die Gemeinde Pfunds, die Heimat unserer Summit Lodges, welche schon seit den 90ern eine Klima-Bündnis-Gemeinde ist und mit Projekten wie dem Trinkwasserkraftwerk oder dem neuen Klimaplan (natürliche Beschattung, Brunnenerschaffung etc.) neue Wege geht.

GTB: Und das Geld für diese Projekte kommt vornehmlich aus dem Tourismus?

Marco: Natürlich. Was dies verdeutlichen würde, wäre eine Umwelttaxe, wie wir es von der Ortstaxe kennen. Viele Hotel-Resorts verrechnen ja auch eine zusätzliche Resortgebühr für bestimmte Einrichtungen in der Hotel-Anlage. Diese Abgaben könnten dann wiederum in den Erhalt unserer Ökosysteme fließen.

GTB: Würde dies Tourist*innen vielleicht auch bei den Einheimischen beliebter machen?

Marco: Touristen sind ja schon beliebt!  Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Alpentäler nahezu vollständig vom Tourismus abhängig sind. Doch ein wichtiges Thema, das hier auch angesprochen werden muss, ist die Wohnsituation der einheimischen Bevölkerung. Wir kennen das Problem aus vielen Tourismusregionen der Welt. Die Hotelbetten und Personalhäuser verschlingen dringend benötigten Wohnraum, da mit einem touristisch vermieteten Objekt natürlich mehr Geld verdient werden kann, als mit einer Dauervermietung zu Wohnzwecken.

 

Wie können Touristen und Locals im Einklang leben?

GTB: Wie können deiner Meinung nach Tourismus und lokales Leben in einer stark besuchten Region wie dem Tiroler Oberland in Einklang bleiben?

Marco: Der Tourismus und das lokale Leben sollten sich immer ergänzen. Der Tourismus lebt vom lokalen Leben, wie das lokale Leben vom Tourismus lebt. Der Tourismus ist unser Motor, der die Wirtschaft am Leben hält und unsere Zukunft sichert. Das Bewusstsein, dass unser größtes Kapital und bestes Verkaufsargument eine intakte Natur darstellt, sollte allerdings immer Priorität bei jedem Projekt haben, da wir Einheimischen den Preis für die Zerstörung unseres Lebensraumes bezahlen.

 

Ferienhäuser im kanadischen Blockhausstil 

Blick vom Schlafzimmer der Summit Lodges auf Pfunds - nachhaltiges Ferienhaus
Summit Lodges Pfunds ©Andreas Schalber

 

GTB: Du hast zwei Ferienhäuser aus massiven Naturstämmen gebaut – ein Baustil, den man eher aus Nordamerika kennt und der in Europa seltener zu finden ist. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Marco: Ich habe nach meiner Ausbildung viele Reisen nach Nordamerika unternommen und war immer begeistert von diesem natürlichen Baustil. Mit der Zeit habe ich mich dann mehr und mehr mit der Thematik von nachhaltigen Baustilen auseinandergesetzt, angefangen bei Lehmhäusern bis hin zu Gebäuden aus Stroh und Holz.

Als wir uns schließlich im Jahr 2017 dafür entschieden haben, in Pfunds unsere beiden Chalets zu errichten und wir uns bewusst für ein nachhaltiges Konzept entschieden haben, war klar, dass in unserer Bergregion, mit seinem Klima, nur ein kanadisches Naturstammhaus diese Vorgaben erfüllen kann.

GTB: Welche Art von Urlaub möchtest du deinen Gästen ermöglichen – und wie unterscheidet sich das von konventionellem (alpinem) Tourismus?

Marco: Wir möchten unseren Gästen eine entspannte Zeit mit vielen Naturerlebnissen ermöglichen. Hier ist Pfunds mit seiner atemberaubenden Natur in der Pfundser Tschey oder auch im Radurschltal die perfekte Adresse.

 

Natururlaub in Pfunds

Ich sage zu unseren Gästen immer, der Unterschied zu anderen Regionen ist, dass in Pfunds die Uhren noch anders ticken. Unsere Region ist sehr auf Tradition und Kultur bedacht. Hier hat sich der Charme des „alten“ Tirols noch erhalten.

GTB: Wie äußert sich das?

Marco: Die Almen werden noch bewirtschaftet wie damals, als der Tourismus angefangen hat. Die Menschen sind sehr herzlich, aber konservativ und die Tiroler Gastfreundschaft wird gelebt. Auf den Almen kann man noch an einem Stammtisch sitzen und mit dem Einheimischen ein ehrliches Gespräch suchen à „An Huangart off tia“, wie wir so schön sagen 😊

Die Wanderwege sind noch nicht überlaufen; teilweise kann man 3 Stunden wandern und sieht außer ein paar Gämsen und Steinböcke keine Seele.

 

GTB: Was sind deine Highlights als Gastgeber? Was berührt oder freut dich besonders?

Marco: Viele Gäste, die uns besuchen, erzählen uns von ihren speziellen Erlebnissen in der Natur. Das kann ein Bartgeier sein, der seine Kreise zieht, oder der Hirsch, der plötzlich da stand im Wald. Solche Momente machen unsere Region aus.

Mich freut es umso mehr, wenn unsere Gäste mit Euphorie von diesen Erlebnissen erzählen. Dann wissen wir, dass er/sie angekommen ist in unserem schönen Tal.

Murmeltier in den Alpen - mhp - stock.adobe.com
Murmeltiere gehören zur Attraktion der Alpen ©mhp – Stock.adobe.com

 

Weniger fordern, mehr genießen

GTB: Das hört sich toll an. Gibt es zum Abschluss noch etwas, das du dir von allen Gästen wünschen würdest – etwas, das sie verstehen sollten, bevor sie in die Berge reisen?

Marco: Viele Touristen sehen oft nicht, dass sie indirekt über ihre Ansprüche gleichzeitig auch die Entwicklung einer Region beeinflussen.

Die Bahn, die neu gebaut wird, oder der MTB-Trail, der angelegt wird – all das macht eine Tourismusregion nur aufgrund der Ansprüche des Gastes und des Wunsches nach mehr Angeboten. Gleichzeitig steigt der Unmut, wenn eine Region zu ausgebaut oder zu gut besucht ist, da man ja eigentlich Ruhe und Ursprünglichkeit sucht und nicht Trubel.

Meiner Meinung nach müssen wir ein Bewusstsein bei unseren Gästen schaffen, dass örtliche Ressourcen begrenzt sind und sie mit ihrem Konsumverhalten zu vielen regionalen Problemen beitragen.

 

GTB: Also weniger fordern, mehr genießen – und eine umweltfreundliche Unterkunft buchen – wie deine 🙂 Die Summit Lodges Pfunds sind ja mit Ökostrom, Mülltrennung, Wassereinsparung und Engagement für Tierschutz und die Gemeinde unserer Meinung nach ein echtes Positivbeispiel für nachhaltigen Tourismus.

Marco: Danke für die Blumen! Ich freue mich natürlich sehr über nachhaltig interessierte Gäste und bin auch gern ein Ansprechpartner dafür, wie Touristen und Einheimische gemeinsam in unserem Tal glücklich sind. Und wie wir gemeinsam die Naturschönheit für die Folgegenerationen erhalten.

 


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Die Summit Lodges im Chalet-Stil liegen eingebettet in einer grünen Berglandschaft in Österreich und fördern nachhaltigen Urlaub. Die Bilder zeigen eine Bergkulisse, den Gastgeber Marco Spiss im Anzug und eine gemütliche Holzausstattung.

Porträt des Gastgebers Marco Spiss, ein lächelnder Mann mit Brille und blauem Anzug, Besitzer der Summit Lodges in Österreich. Hintergrund mit grünem Laub. Der Text darüber befasst sich mit Nachhaltigkeit und unberührter Natur.


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